Der Vorteil einer Genossenschaft

Rahel Pfister, Geschäftsführerin bei CooperativeSuisse

Mit über 8000 Genossenschaftsunternehmen hat die Schweiz eine vielfältige Tradition des gesellschaftlich verantwortungsvollen Wirtschaftens. Viele dieser Unternehmen fokussieren anstelle von Profitmaximierung auf eine positive Wirkung für Mitglieder und Umwelt und leisten so einen wichtigen Beitrag zum Wohlergehen der Schweizer Bevölkerung. CooperativeSuisse will diese wirkungsorientierten Wirtschaftsformen (Business for Social Impact) fördern. Sie will den Genossenschaftsgedanken in die Öffentlichkeit tragen. Und sie will deren Vorteile gerade auch bei Startups bekannt machen. Dazu baut sie ein branchenübergreifendes Netzwerk in der Schweiz auf.

VillageOffice ist neu Teil dieses Netzwerkes. Aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit privaten und öffentlichen Kräften, ebenso wie lokalen Partner ist die genossenschaftliche Unternehmensform für VillageOffice die ideale Lösung. Auf diese Weise lässt sich in der Schweiz eine eigenständige Lösung für das dezentrale Arbeiten etablieren.

 

«Ur-Land der Genossenschaftsunternehmen»

 

VillageOffice: Sind Genossenschaften typisch für die Schweiz oder sind sie in anderen Ländern ähnlich stark vertreten?

Rahel Pfister, Geschäftsführerin bei CooperativeSuisse: Die Schweizer Eid-Genossenschaft kann als Ur-Land der Genossenschaftsunternehmen bezeichnet werden. Im Mittelalter entstanden vor allem Genossenschaften bäuerlichen Ursprungs: Alp-, Käse- und Weidegenossenschaften, mit dem Grundgedanken der wirtschaftlichen und sozialen Selbsthilfe. Ab dem 19. Jahrhundert herrschte ein regelrechter Gründerboom. Handwerks- und Konsumgenossenschaften, sowie die ersten Wohnbaugenossenschaften kamen auf. Obwohl die Anzahl Gründungen danach wieder rückläufig war, hat sich der genossenschaftliche «Geist» seither als wichtige Tradition in der Schweiz verankert. Und heute erleben Genossenschaften erneuten Aufschwung. Denn gerade Unternehmer/Innen, die bewusst auf eine positive soziale oder ökologische Wirkung ihrer Unternehmenstätigkeit setzen und nach mehr Partizipation, demokratischen Strukturen sowie kooperativen Arbeitsmodellen verlangen, finden in der Genossenschaftsunternehmung die geeignete Organisationsform. Denn hier werden diese Anforderungen nicht nur gewünscht, sondern sie sind in der DNA verankert.

Im europäischen Vergleich hat die Schweiz deutlich am meisten Genossenschaften, gemessen an allen juristischen Personen. Bei einem Viertel handelt es ich um Wohnbaugenossenschaften, der Rest verteilt sich auf Genossenschaftsunternehmen im Landwirtschafts-, Energie-, Handel- und Konsumbereich. Heute entstehen zudem viele innovative Genossenschaftsunternehmen im Bereich Medien, erneuerbare Energien, gemeinschaftliche Wohnformen und Daten/IT. 

 

«… eine starke Wertebasis von Sinnhaftigkeit, Gemeinschaft, Solidarität, Kooperation, Partizipation und demokratischen Strukturen.»

 

VillageOffice: Sie setzten sich auch für «soziales Unternehmertum» ein. Was ist darunter zu verstehen und ist das zwingend mit dem Genossenschaftsgedanken verbunden?

Rahel Pfister: Manche Menschen assoziieren Genossenschaftsunternehmen vielleicht mit einem verstaubten Touch. Doch deren Grundgedanken kommen heute unter anderen Begriffen wieder auf, z.B. als «Social Entrepreneurship». Sozialunternehmer/Innen haben eine ideelle Nähe und hohe Affinität für die genossenschaftlichen Grundwerte. Sie wollen soziale Innovation generieren, was auch ein urgenossenschaftliches Anliegen ist. Denn soziale Innovation entsteht aus der Gesellschaft heraus und hat das Ziel, mit cleveren unternehmerischen Modellen Lösungen für soziale/ökologische Probleme zu finden. Dies ist auch das Anliegen vieler Genossenschaftsunternehmen, die sich mit dem Prinzip der wirtschaftlichen und sozialen Selbsthilfe um das Wohl ihrer Mitglieder aber auch ihrer Umwelt bemühen. Beide setzen anstelle der Profitmaximierung auf die positive Wirkung und nutzen die Kraft der partizipativen Zusammenarbeit vieler Gleichgesinnter. Dabei greifen sie zurück auf die hohe intrinsische Motivation der Beteiligten, sowie auf eine starke Wertebasis von Sinnhaftigkeit, Gemeinschaft, Solidarität, Kooperation, Partizipation und demokratischen Strukturen. Dieses Unternehmensverständnis greifen wir in unseren Prinzipien für die Mitgliedschaft (www.cooperativesuisse.ch/mitmachen) wieder auf.

Bei CooperativeSuisse sind wir überzeugt, dass beide – Genossenschafts- und Sozialunternehmen – ein enormes Potenzial bieten für Wirtschaft und Wohlstand in der Schweiz. Denn die heutigen komplexen und raschen Entwicklungen verlangen nach flexiblen Organisationsformen, welche die kollektive Intelligenz vieler kreativen Köpfen nutzen können. Genossenschafts- und Sozialunternehmen haben hier eine grosse Stärke. Und die Gesellschaft scheint für ihre Werte und ihr Menschenbild offen zu sein. Das lässt sich erkennen an den erfolgreichen Neugründungen der letzten Jahre, sowie im Trend hin zu mehr wirkungsorientierten Wirtschaftsweisen, die von vielen Konsumenten, Mitarbeitend und auch UnternehmerInnen verlangt werden. Mit dem Aufbau der Plattform CooperativeSuisse wollen wir diesen Zeitgeist nutzen und dazu beitragen, dass die zwei Welten von traditionsreichen Genossenschaften und jungen innovativen Social Entrepreneure zusammenwachsen und sich gegenseitig bekräftigen können.

 

«… tragfähige gemeinschaftliche Organisationen, die echten Wert schaffen»

 

VillageOffice: Was macht das Genossenschaftsmodell gerade für Startups attraktiv? 

Rahel Pfister: Das Modell der Genossenschaftsunternehmung etabliert sich mehr und mehr bei Startups, die auf Langfristigkeit und Sinnhaftigkeit setzen. Dazu zählen z.B. Datengenossenschaften wie https://midata.coop, die für Bürgerinnen und Bürger Gesundheitsdaten managen und diese Daten einsetzen, zum Beispiel in der Entwicklung von Medikamenten. Dadurch, dass die Genossenschafter nicht einfach nur «User» sind, sondern voll stimmberechtigte Miteigentümer, kann Vertrauen und Glaubwürdigkeit geschaffen werden, kann der immer lauernde Interessenkonflikt zwischen Nutzer und Eigner der Plattform gelöst werden. Auch werden weltweit immer mehr so genannte «Platform Coops» gegründet, siehe z.B. https://platform.coop/directory. Hier geht es darum, den «Sharing»-Plattformen wie Airbnb oder Uber, Modelle entgegenzustellen, bei denen nicht Dritte über die Technik Arbeit und Ertrag regeln, sondern das Community-Modell auch tatsächlich demokratisch von der Community selber getragen und gelenkt werden können.

CooperativeSuisse ist überzeugt: Startups, die langfristig denken, die eine grössere Vision verfolgen als in zwei Jahren sich an den meistbietenden zu verkaufen, Startups die nicht nur davon reden, die Welt besser zu machen und partizipative Elemente ernsthaft umsetzen wollen, für genau die ist das genossenschaftsunternehmen ein Modell für die Zukunft. Denn damit bilden sie tragfähige gemeinschaftliche Organisationen, die echten Wert schaffen auch auf lange Frist.

Rahel Pfister ist Geschäftsführerin bei CooperativeSuisse. Sie hat einen Master of Science in Sustainable Development absolviert und sich Organisationsentwicklung spezialisiert.